Mehrere Girokonten gleichzeitig führen – Strategie oder Chaos?

Die Vorstellung, mehrere Girokonten zu haben, klingt für viele nach unnötiger Komplexität. Ein Konto reicht doch. Wofür zwei, drei, vier? Aber wer genauer hinschaut, merkt: Nicht wenige Menschen führen mehrere Konten bereits – manchmal bewusst, manchmal durch Trägheit. Das alte Konto läuft noch, das neue ist schon offen. Oder man hat bei der Direktbank das Alltagskonto und bei der Sparkasse noch das Konto aus Studienzeiten, das nie gekündigt wurde.

Die Frage ist weniger ob man mehrere Konten hat, sondern ob man sie bewusst einsetzt oder ob sie sich verselbstständigt haben. Der Unterschied zwischen Strategie und Chaos liegt fast immer in der Absicht – und in dem, ob man noch den Überblick hat.

Wann mehrere Konten tatsächlich Sinn ergeben

Es gibt legitime und gut funktionierende Gründe, mehr als ein Girokonto zu führen. Der wichtigste: funktionale Trennung.

Das klassische Drei-Konten-Modell – bekannt aus der Partnerfinanzierung, aber genauso für Einzelpersonen anwendbar – arbeitet mit getrennten Töpfen für verschiedene Ausgabenkategorien. Ein Hauptkonto empfängt das Gehalt und deckt fixe Ausgaben ab: Miete, Versicherungen, Daueraufträge. Ein zweites Konto ist für variable Lebenshaltungskosten – Lebensmittel, Freizeit, spontane Ausgaben. Ein drittes ist Rücklagenkonto oder Puffer für unregelmäßige Kosten: Urlaub, Reparaturen, Jahresbeiträge. Diese Trennung macht Budgetkontrolle sichtbar, ohne komplizierte Buchhaltungssoftware zu brauchen. Der Kontostand ersetzt die Kategorie.

Ein anderer häufiger Anwendungsfall: das Reisekonto. Wer regelmäßig ins Ausland reist, eröffnet bei einer gebührenfreundlichen Direktbank ein zweites Konto mit einer Karte ohne Auslandsgebühren – und lässt das Hauptkonto bei der Hausbank, die fürs Inland und die Bankbeziehung genutzt wird. Der Aufwand für ein zweites Konto ist gering, die Ersparnis bei regelmäßigen Auslandsaufenthalten kann jährlich dreistellig sein.

Für Selbstständige und Freiberufler ist die Trennung von privatem und geschäftlichem Konto ohnehin sinnvoll – nicht nur aus steuerlichen Gründen, sondern auch für den mentalen Überblick. Wer weiß, dass auf dem Geschäftskonto noch Umsatzsteuer zurückgehalten werden muss, und das Geld dort lässt statt es aufs Privatkonto zu transferieren, lebt ruhiger.

Und dann gibt es die Absicherungsstrategie: Wer mehr als 100.000 Euro Guthaben hat, stößt an die Grenze der gesetzlichen Einlagensicherung. Pro Bank und pro Kontoinhaber sind 100.000 Euro geschützt. Wer mehr als das bei einer einzigen Bank liegen hat, verteilt auf mehrere Banken – nicht aus Misstrauen, sondern aus rationaler Risikoabwägung. Das ist bei den meisten Menschen kein praktisches Thema, bei manchen aber sehr wohl.

Wo es tatsächlich chaotisch wird

Mehrere Konten führen ist kein Problem. Mehrere Konten führen ohne System ist eines.

Das häufigste Chaos-Muster: Konten, die nie offiziell aufgegeben wurden, aber auch nicht mehr aktiv genutzt werden. Das alte Studentenkonto, das jetzt 3 Euro Grundgebühr im Monat kostet, weil die kostenlose Phase abgelaufen ist. Das Konto bei der Direktbank, auf das man vor zwei Jahren gewechselt ist und das jetzt kaum noch Umsätze hat – aber für das Geld jemanden abbucht, der es nie bemerkt. Über ein Jahr summiert sich das auf 36 Euro für nichts.

Ein anderes Muster: verteilte Lastschriften ohne Überblick. Wer verschiedene Abonnements über verschiedene Konten laufen hat und nicht mehr weiß, welche Abbuchung von welchem Konto kommt, verliert den Überblick über das Gesamtbild seiner Fixkosten. Das ist nicht dramatisch, aber es ist die Art von Unordnung, die dazu führt, dass man nie ein klares Gefühl für die eigene finanzielle Situation hat.

Und es gibt die Schufa-Frage: Offene Girokonten werden der Schufa gemeldet. Wer fünf offene Konten hat, hat fünf Einträge. Das senkt den Schufa-Score nicht automatisch erheblich, aber zu viele offene Konten können bei Kreditentscheidungen als Signal für unübersichtliche Finanzverhältnisse interpretiert werden. Nicht als harter Ablehnungsgrund, aber als weicher Faktor.

Wie man das System aufräumt

Wer merkt, dass seine Kontostruktur sich über Jahre ohne Plan entwickelt hat, braucht keine radikale Lösung – nur eine kurze Inventur.

Schritt eins: Alle offenen Konten auflisten. Nicht nur die, die man täglich nutzt, sondern auch die vergessenen. Eine Schufa-Eigenauskunft zeigt alle Konten, die aktuell gemeldet sind – das ist die zuverlässigste Quelle.

Schritt zwei: Für jedes Konto klären, welche Funktion es erfüllt. Kein Konto sollte ohne Funktion offen sein. Wer keine Antwort hat, hat die Antwort: Das Konto sollte geschlossen werden.

Schritt drei: Sicherstellen, dass keine laufenden Lastschriften oder Daueraufträge auf einem Konto hängen, das geschlossen werden soll. Das ist der Schritt, der am meisten Zeit kostet – aber auch der, bei dem am meisten schiefgehen kann, wenn er übersprungen wird.

Am Ende sollte jedes offene Konto eine klare Rolle haben: Hauptkonto, Reisekonto, Rücklagenpuffer, Geschäftskonto. Wer das für sich definiert hat, kann mit mehreren Konten sehr effizient wirtschaften. Wer es nicht definiert, hat keinen Überblick – egal ob er ein Konto hat oder fünf.

Mehrere Girokonten sind kein Zeichen von Unordnung. Ungeklärte Konten sind es. Der Unterschied liegt nicht in der Anzahl, sondern darin, ob man noch weiß, warum jedes einzelne davon existiert.

Noch ein praktischer Gedanke für alle, die gerade überlegen, ein zweites Konto zu eröffnen: Die Entscheidung sollte vor der Eröffnung fallen, nicht danach. Wer ein Konto eröffnet und dann überlegt, wofür es gut Mehr entdecken sein soll, landet meistens in dem Chaos, das vermieden werden sollte. Wer hingegen zuerst definiert – dieses Konto ist ausschließlich für Reiseausgaben, dort liegt immer ein Puffer von 500 Euro – und dann eröffnet, hat ein Werkzeug, kein Problem. Der Unterschied ist nicht die Bank, nicht die Karte, nicht der Zinssatz. Es ist die Absicht.

Und wer unsicher ist, ob ein zweites Konto nötig ist: In den meisten Fällen löst ein gut strukturiertes einzelnes Konto mit klaren Budgetkategorien in der App dasselbe Problem. Viele moderne Banking-Apps bieten Ausgabenanalysen, Ausgabelimits pro Kategorie und Rücklagekonten innerhalb desselben Instituts. Wer das nutzt, bekommt den Überblick, den er sucht – ohne die Verwaltungslast eines zweiten Kontos.